Warum ist die F-35 so wichtig? (2024)

Endlich ist die Entscheidung gefallen: Mit der F-35 bekommt die deutsche Luftwaffe einen neuen Kampfflieger. Warum der Jet so wichtig, aber trotzdem umstritten ist: Fragen und Antworten rund um das modernste Kampfflugzeug der Welt.

Warum braucht Deutschland einen neuen Kampfjet?

Das hängt mit dem Tornado zusammen, dem Kampfjet, der für die deutsche Luftwaffe steht wie kein anderes Flugzeug. Schon seit 40 Jahren fliegt sie ihn. Die ersten Jets wurden 1981 an die Bundeswehr ausgeliefert. Wer sich noch erinnert, auf welchem technischen Stand Autos waren, die 1981 auf den Straßen fuhren, der kann nachvollziehen, dass Militärexperten schon seit vielen Jahren drängen, den Tornado durch einen modernen Kampfflieger zu ersetzen.

Zwar wurde der Bundeswehr-Jet beständig und aufwändig nachgerüstet und modernisiert, aber aus einem betagten Modell wird kein Tarnkappenjet mehr. Nun steht sein Nachfolger fest: die F-35 des amerikanischen Herstellers Lockheed Martin. Der Haushaltsausschuss des Bundestags hat die erste Tranche für die Bezahlung von 35 Fliegern am Mittwochmittag genehmigt. Insgesamt werden Kosten von rund zehn Milliarden Euro veranschlagt. Natürlich muss das Parlament dem Kauf noch zustimmen, aber die Ausschüsse, der Abgeordnete aller Parteien angehören, treffen eine Vorentscheidung. Damit ist der Kauf der F-35 quasi beschlossene Sache, und eine Entscheidung, die über Jahrzehnte von einer Legislatur in die nächste verschoben wurde, ist endlich gefallen.

Warum stand der Deal kurzfristig auf der Kippe?

Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht hat schon im März 2022 mitgeteilt, die F-35 anschaffen zu wollen. Wenige Tage vor dem Beschluss der Ausschüsse geriet jedoch ein Papier an die Öffentlichkeit, in dem ihr Ministerium seine eigene Entscheidung infrage stellt. Da werden mehrere Risikofaktoren aufgelistet, unter anderem der erforderliche Umbau von Flugplätzen für die F-35, hohe Sicherheitsanforderungen des US-Verkäufers und mögliche technische Probleme bei der Zulassung der Kampfjets für den Flugbetrieb in Deutschland.

Dass all diese Hürden zu nehmen sind, wird auch von Fachleuten nicht bestritten. Dass jedoch eine seit Jahrzehnten fällige Entscheidung für einen Luftwaffen-Kampfjet wieder infrage gestellt werden könnte, weil einige Flugplätze dafür umgebaut werden müssten, wäre schwer nachvollziehbar.

Unter Experten sorgte aber vor allem der Hinweis auf Probleme bei der Zulassung des Jets für den deutschen Luftraum für Stirnrunzeln. Denn bei vielen europäischen Nachbarn ist die Maschine bereits zugelassen. "Probleme mit der F-35? Deutschland sucht Probleme, wo die Niederlande, Norwegen, Belgien, Italien und andere europäische Nationen keine sehen", schrieb der Inspekteur der Luftwaffe, Ingo Gerhartz, auf Twitter. Und fragte abschließend: "Ist die Luft dort eine andere?"

Bringt die F-35 schon die Zeitenwende?

Klares nein. Die Entscheidung für den Tornado-Nachfolger war überfällig. Zwar kommt das Geld für die F-35 aus dem 100 Milliarden umfassenden Sondervermögen, das die Zeitenwende bei der Bundeswehr mitfinanzieren soll, und in seiner Zeitenwende-Rede Ende Februar deutete Kanzler Olaf Scholz erstmals an, dass die Nachfolge-Entscheidung womöglich zugunsten der F-35 fallen würde. Aber mit diesem Kauf wird vom Verteidigungsministerium lediglich eine seit vielen Jahren klaffende Fähigkeitslücke geschlossen. Wirklich vor die Lage bringt das die Bundeswehr nicht.

Was kann die F-35?

Dieser Kampfjet ist das modernste Modell, das derzeit weltweit zu haben ist. Zunächst einmal hat er beste Stealth-Eigenschaften, also Technik, die es erschwert, den Flieger zu orten. "Wir brauchen diese geringere Radar-Signatur und die Fähigkeit, aus großer Distanz Ziele zu erkennen und zu bekämpfen", sagte der Sicherheitsexperte Rafael Loss vom European Council on Foreign Relations (ECFR) der Deutschen Welle. "Das kann die F-35 besser als alle anderen Luftkampfsysteme, die im Moment auf dem Markt sind."

Allein der Pilotenhelm kostet mehr als 400.000 US-Dollar. Er bietet ein internes Display, auf das Kamerabilder live übertragen werden können. Wie mit Röntgenaugen schauen der Pilot oder die Pilotin so quasi durch das Flugzeug hindurch. Die Waffen werden über Bewegungen der Augen gesteuert.

Politik 04.12.22

"Wechseln Sie Lambrecht aus" F-35-Probleme: Union wirft Regierung schwere Fehler vor

Sehr viel sehr empfindliche Technik an Bord macht das Mehrzweckkampfflugzeug allerdings auch anfällig für Störungen - einer der Hauptkritikpunkte an der Maschine neben dem Problem, dass die F-35-Variante, die die Bundeswehr anschaffen will, noch nicht die Serienreife erlangt hat. Ein vollständiger Abschluss der Weiterentwicklung dieser Variante wird nicht vor 2029 erwartet. Der US-Rechnungshof weist in einem Bericht vom April dieses Jahres 826 Mängel an der F-35 aus. So sollen Kommunikation und Navigation, Cybersicherheit und Zielerfassung betroffen sein. Als Ursache vieler Schwierigkeiten werden Probleme bei der Softwareentwicklung gesehen. Wie weit die Entwicklung vorangeschritten ist, wenn die ersten Jets an die Luftwaffe geliefert werden, ist derzeit kaum vorauszusehen.

Ein großer Pluspunkt des Kampfjets ist seine Verbreitung in Europa. Unter anderem das italienische, britische, niederländische und norwegische Militär fliegen F-35. Die Schweiz und Finnland setzen ebenfalls auf den US-Flieger. Das macht die Zusammenarbeit der deutschen Luftwaffe mit den genannten europäischen Partnern in Zukunft erheblich einfacher.

Wie soll der F-35 eingesetzt werden?

Das Verteidigungsministerium steckt den Rahmen für die zukünftigen Aufgaben des Kampfjets sehr eng. Er soll Deutschlands Nukleare Teilhabe absichern, also in der Lage sein, im Ernstfall die 20 amerikanischen Atombomben, die im süddeutschen Bundeswehr-Fliegerhorst Büchel lagern, in ein gegnerisches Ziel zu bringen. Gerade für diese Aufgabe ist die Tarnkappentechnik des Fliegers ein entscheidender Vorteil gegenüber dem alten Tornado.

Politik 05.12.22

Kritik wegen riskantem Geschäft Scholz bekräftigt Kauf der F-35-Kampfjets

Ob der Tornado im Kriegseinsatz sein Ziel erreichen könnte, ohne zuvor von gegnerischer Flugabwehr geortet und bekämpft zu werden, war schon lange zweifelhaft. Auch deshalb war es problematisch, dass die Entscheidung über seinen Nachfolger vor allem von der Großen Koalition über viele Jahre verschleppt wurde.

Denn die Abschreckung durch die 20 Atomwaffen in Deutschland wurde in dem Maße unglaubwürdig, in dem der Tornado als Träger-Jet in die Jahre geriet. Die Drohung mit einem Vergeltungsschlag, der im Ernstfall vom Gegner gut abzuwehren wäre, ist aber nicht effektiv. Im Sinne der Nuklearen Teilhabe ist die F-35 darum die erste Wahl. Ihre Fähigkeiten verleihen dem Abschreckungsziel, das hinter der Nuklearen Teilhabe steht, wieder die nötige Glaubwürdigkeit.

Ist die Nukleare Teilhabe überhaupt notwendig?

Diese Frage wird sehr unterschiedlich bewertet. Ein zentrales Argument gegen die 20 Atombomben in Büchel und die von Deutschland zugesagte Bereitschaft, sie im Ernstfall eines nuklearen Angriffs in einem Vergeltungsschlag einzusetzen, ist der fehlende Nutzen für Deutschland. "Im Gegenteil", so Inga Blum von der NGO Internationale Ärzte zur Verhütung eines Atomkriegs. Die Nukleare Teilhabe sei "ein Sicherheitsrisiko. Die Atomwaffen in Deutschland wären im Kriegsfall erstes Angriffsziel und stünden nicht für einen sogenannten 'Vergeltungsschlag' zur Verfügung." Die geplante Milliardeninvestition in die F-35 widerspreche deshalb "fundamentalen Sicherheitsinteressen der Bevölkerung", so Blum.

Doch bleiben die Gegner der Nuklearen Teilhabe den Lösungsvorschlag schuldig, wie Deutschland sich stattdessen in angemessenem Umfang in die Verteidigungsstrategie der NATO einbringen könnte. Das Bündnis fußt auf der Idee, gemeinsam Lasten und Risiken zu tragen. So spannen die USA ihren nuklearen Schirm zur Abschreckung auch über Europa auf, erwarten jedoch im Gegenzug die Bereitschaft europäischer Länder, andere Lasten und Risiken zu schultern.

Würde Deutschland seine Nukleare Teilhabe an der NATO-Abschreckungsstrategie beenden, müsste diese Lücke im konventionellen Bereich mit sehr hohem finanziellen Aufwand geschlossen werden. "Theoretisch müssten wir ab diesem Punkt ein Vielfaches für konventionelle Rüstung ausgeben", sagt Frank Sauer, Sicherheitsexperte der Münchner Universität der Bundeswehr ntv.de. "Nur so könnten wir als Bundesrepublik Deutschland mit Blick auf die Rückversicherung Mittel- und Osteuropas ausreichend Fähigkeiten bereitstellen, um eine Beendigung der Nuklearen Teilhabe auszugleichen."

Zum Vergleich: Bislang hat es NATO-Mitglied Deutschland noch in keinem Jahr geschafft, Rüstungsausgaben von zwei Prozent der Wirtschaftsleistung im Haushalt zu hinterlegen. Auf diesen Anteil am Bruttoinlandsprodukt haben sich die NATO-Partner vor einigen Jahren geeinigt. Um also keinen nachhaltigen Konflikt im Bündnis zu riskieren, müsste Deutschland ohne Nukleare Teilhabe seinen jährlichen Rüstungsetat wesentlich erhöhen.

Warum ist die F-35 so wichtig? (2024)
Top Articles
Latest Posts
Article information

Author: Rubie Ullrich

Last Updated:

Views: 5649

Rating: 4.1 / 5 (52 voted)

Reviews: 83% of readers found this page helpful

Author information

Name: Rubie Ullrich

Birthday: 1998-02-02

Address: 743 Stoltenberg Center, Genovevaville, NJ 59925-3119

Phone: +2202978377583

Job: Administration Engineer

Hobby: Surfing, Sailing, Listening to music, Web surfing, Kitesurfing, Geocaching, Backpacking

Introduction: My name is Rubie Ullrich, I am a enthusiastic, perfect, tender, vivacious, talented, famous, delightful person who loves writing and wants to share my knowledge and understanding with you.